Matthias Bittinger - Abitur 1994

1. Wie war Ihr akademischer Werdegang?
2. Welche Position/Funktion haben Sie heute inne?

Zu meinem akademischen Werdegang gibt es noch nicht viel zu berichten. Ich habe von 1995 bis 2001 Physik an der TU München studiert, dort am Walter Schottky Institut meine Diplomarbeit in experimenteller Halbleiterphysik mit dem Thema "Spinabhängige optische Spektroskopie an zweidimensionalen Ladungsträgersystemen" abgeschlossen und bin nun Doktorand am Max Planck Institut für Biochemie und beschäftige mich dort mit der Verbindung von Zellen mit Halbleiterchips.

3. Hat Griechisch Ihrer Meinung nach zwischen Bibel und Laptop überhaupt noch Platz?

Sowohl die christliche Religion wie auch die griechische Kultur bilden die Wurzeln unserer Gesellschaft, man kann zwar auch Laptops bauen, ohne beides zu kennen, aber viel Europäisches" (Kunst, Musik, Wissenschaft, Politik, soziales Denken) versteht man einfach besser, wenn man auf dieser Bildungsgrundlage aufbauen kann. Außerdem stellt sich die Frage, ob nach den Weihnachtsfeiertagen die Bibel überhaupt noch zwischen Laptop und Lederhose passt :-)

4. Welche Impulse kann Griechisch aus Ihrer Sicht zur Weiterentwicklung christlicher Schulen leisten?

Man könnte das gesamte neue Testament von den Schülern ins Deutsche übersetzen lassen :-), Spaß beiseite, ich denke, dass gerade die Mischung aus altgriechischer Ethik und christlicher sowie jüdischer Gedankenwelt unser Denken bestimmen, man kann das eine nicht ohne das andere verstehen. Daher sollte in Religion auch mehr grundsätzliche Ethik besprochen werden, dass z.B. (ein etwas übertriebenes Beispiel) das Tötungsverbot nicht auf einer großen Steintafel vom Himmel fiel, sondern dass menschliches Zusammenleben sich in vielen Punkten auch automatisch regeln kann (mit vielen Ausnahmen). Man sollte in Religion viel häufiger rational argumentieren, dies ist meiner Meinung auch die letzte Möglichkeit, Religionsunterricht zu retten. Schüler merken sehr schnell, wenn sie für blöd verkauft werden, die kirchliche Argumentationsweise ist in vielen Punkten noch im Mittelalter stehengeblieben, das funktioniert heute nicht mehr. Ein gesunder Mix aus Ethik, Religion und eigener Geschichte könnte hier helfen.

5. Mit welchen Argumenten würden Sie aus Ihrer heutigen Weltsicht Griechisch als 3. Fremdsprache empfehlen?

Ganz einfach, Französisch kann man immer noch lernen (was ich auch seit 7 Jahren am Institut Francais mache), Altgriechisch nie mehr. Auf die Frage, was es bringt, gibt's bei mir eine ganz einfache Antwort: Mein Professor, bei dem ich jetzt arbeite, beschäftigt sich als Hobby mit der Schlacht von Marathon, komischerweise war der Griechischleistungskurs fast das einzige, was ihn an meinem Lebenslauf interessiert hat. Ich könnte also etwas salopp sagen, dass ich zu einem gewissen Teil meinen Job meinem Altgriechisch verdanke:-).

6. Was soll vom erlebten Griechischunterricht beibehalten, was soll verändert werden?

Meiner Meinung nach besitzt der Griechischleistungskurs einen fast perfekten Lehrplan, man erkennt, dass die "Helden" von Troja nichts anderes waren als kleine Kinder, die, wenn man ihnen ein Ehrgeschenk wegnimmt, ans Meer zu ihrer Mutter laufen, heulen, und sagen, dass sie nicht mehr mit den anderen Kindern mitspielen wollen und schmollen, danach sieht man, wie der Mensch in der Lyrik zum ersten Mal in der Europäischen Geschichte sich selbst als Individuum begreift (Aber ich schlafe allein), danach die ersten wissenschaftlichen Gehversuche der Vorsokratiker, von denen immer noch viele Grundgedanken in unsere Welt passen, zum Schluss Sokrates, Platon und Aristoteles, würde zu lange dauern, von allen zu schwärmen. Ich könnte heute keinen einzigen Satz mehr übersetzen, trotzdem ist mehr geblieben, als ich dachte.

[zurück]


Copyright 1999-2012 by Rhabanus-Maurus-Gymnasium St. Ottilien. Last updated 03.01.04. Impressum.
Für Kritik, Anregungen und alles andere mailen Sie bitte an webmaster@ottilien.de.