Andreas Fick - Abitur 1992

1. Wie war Ihr akademischer Werdegang?

- Studium der Rechtswissenschaften LMU München (1993-98), 1. Staatsexamen 1998

- Referendariat im OLG-Bezirk München (1998-2000), 2. Staatsexamen 2000

- Fachanwaltsprüfung Steuerrecht 2000

2. Welche Position/Funktion haben Sie heute inne?

Rechtsanwalt in der Steuerrechtsabteilung einer Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft

3. Hat Griechisch Ihrer Meinung nach zwischen Bibel und Laptop überhaupt noch Platz?

Wenn ich Ihre Frage richtig interpretiere, geht es Ihnen um die Stellung des Griechischunterrichts im Verhältnis zu 2 verschiedenen Fixpunkten, einem geistlich-weltanschaulichen (Bibel) und dem Zeitgeist (Laptop).

Zu erstem Punkte möchte ich nicht viel sagen, da gibt es berufenere Stellen. Aus meiner – sehr laienhaften – Sicht wundere ich mich aber doch, dass hier überhaupt Diskussionsbedarf über die Stellung des Griechischen in einem christlichen Kontext gesehen wird. Steht nicht die christliche Lehre in einer Wechselwirkung mit der griechischen Weltsicht? Beispielsweise meine ich mich dunkel erinnern zu können, dass der ein oder andere Evangelist mehr oder minder stark „griechisch angehaucht“ gewesen ist. Die Herausbildung des Christentums in kulturell griechisch geprägten Welt dürfte doch wohl seine Spuren hinterlassen haben. Aber, wie gesagt, da gibt es sicherlich Ehemalige, die dazu fundierter Stellung nehmen können.

Eine andere Frage ist freilich die, ob derartig „schöngeistige“ Argumente ausreichen, die Beibehaltung eines Unterrichtsfachs Griechisch zu rechtfertigen. Es stellt sich also die Frage nach dem Platz auf dem Stundenplan. Ich könnte mir vorstellen, dass hier der Ruf nach sogenannten zeitgemäßeren Unterrichtsfächern lauter wird, um die Schüler fit für das moderne Wirtschaftsleben zu machen. Klassische Bildungsinhalte kann man ja dann im Jet-set-Verfahren etwa mit einem Fach Philosophie (mit weniger Aufwand, versteht sich) vermitteln.

Aber was sollen denn diese ach so zukunftsweisenden Lehrinhalte sein? Irgend etwas mit neuen Technologien, Betriebswirtschaft, modernen Fremdsprachen vermutlich. In jedem Fall aber würde wohl immer Spezialwissen vermittelt werden. Erstens hilft aber dem einen dieses Wissen mehr als dem anderen. Ich habe beispielsweise nie auf meine zugegebenermaßen jämmerlichen Chemiekenntnisse zurückgreifen müssen, und bin froh, dass ich in St. Ottilien mit nur 1 Jahr Chemie „davongekommen“ bin. Derartige Spezialkenntnisse können bei Bedarf aber jederzeit auch nach der Schule erworben werden. Dies kann doch nicht Aufgabe der Schule sein. Wozu studieren denn schließlich andere Leute X Semester Informatik oder BWL? Ich sage nicht, dass man an der Schule diesbezüglich nicht gewisse Grundkenntnisse im Rahmen der bestehenden Fächerauswahl vermitteln sollte. Den nötigen Einblick in die Realität unseres modernen (Berufs-)Lebens sollte man den Schülern aber auf andere Weise vermitteln als durch Auswendiglernen von Einzelwissen, etwa durch Praktika. In diesem Zusammenhang möchte ich übrigens darauf hinweisen, dass zu zumindest aus meiner persönlichen Erfahrung heraus die Vorbereitung auf das spätere Berufsleben durch die Gymnasien zu meiner Zeit als geradezu skandalös bezeichnet werden musste (möglicherweise ist das immer noch so). Man sollte den Schülern eher dabei helfen, die Möglichkeiten der Berufswelt und ihre mehr oder weniger dazu passenden eigenen Fähigkeiten besser kennenzulernen, als sie mit noch mehr rein theoretischem Wissen vollzustopfen, auch wenn dies im Mantel noch so aktuellem Zeitbezuges daherkommen mag.

Etwas differenzierter würde ich die Situation bei den (modernen) Fremdsprachen einschätzen. Hier ist es durchaus sinnvoll, bereits an der Schule eine breite Basis zu schaffen (zumindest Englisch und Französisch).

Auch hier liegt aber zum einen die Betonung auf „Basis“. Ist die Grundlage einmal gelegt, ist es jedem selbst überlassen, in späteren Jahren bei Bedarf und / oder Neigung, die ein oder andere Sprache zu perfektionieren. Nichts eignet sich mehr dafür (und macht mehr Spaß) als ein längerer Auslandsaufenthalt. Als Beispiel mag meine eigene Person dienen: Nachdem ich mich „nur“ 5 Jahre mit Englisch abgemüht hatte (meine abschreckenden Zensuren sind Ihnen vielleicht noch ein Begriff), stellte ich zu meinem Bedauern fest, dass ohne gute Englischkenntnisse im modernen Wirtschaftsleben nichts mehr auszurichten ist. Das Problem war schnell behoben: Nach nur 4 Monaten intensiven Sprachstudiums in Neuseeland war ich in der Lage, das First Certificate of Cambridge ohne Mühe mit der Höchstnote zu bestehen. Mittlerweile betreue ich in großem Umfang internationale Mandate. Arbeitssprache ist - natürlich - Englisch.

Im übrigen sollte man nicht übersehen, dass Latein und Griechisch aber gerade die Grundlage bilden, die es einem ermöglichen, moderne Sprachen schnell und effizient zu erlernen.

Warum aber eine alte Sprache bereits an der Schule, angesprochene Spezialfächer aber erst bei Bedarf später?

Eine erste Antwort ist bereits gegeben: Sie sind die Grundlagen unserer wichtigsten modernen europäischen Fremdsprachen, die wir in Grundzügen tunlichst bereits an der Schule erlernen sollten.

Ein weiterer Gesichtspunkt: Die Vermittlung von Sprachkenntnissen ist nur ein Ziel des altsprachlichen Unterrichts. Der viel wichtigere Teil besteht darin, die Fähigkeiten zu erlernen, die es ermöglichen, mit der alten Sprache umzugehen. Diese sind u.a.: Abstraktionsvermögen, Textreflexion, analytisches Denken, Selbstdisziplin (=> Lernen, richtig zu lernen). Es geht also auch um die Vermittlung von Fähigkeiten, nicht allein um die 1:1-Übertragung von Kenntnissen. Es dürfte wohl nicht zu bestreiten sein, dass die angesprochenen Fähigkeiten in weiten Bereichen des modernen Berufslebens unerlässlich sind.

Warum gerade Griechisch? Ist Latein nicht bereits alte Sprache genug?

Aus Kreisen der Wirtschaft ist immer wieder zu vernehmen, Führungskräfte sollten nicht nur sog. soziale sondern auch kulturelle Kompetenz vorweisen können, um im Umgang mit den immer mehr an Bedeutung gewinnenden internationalen Beziehungen das nötige Rüstzeug mitzubringen.

Kulturelle Kompetenz bedeutet doch aber letztlich, sich in eine völlig fremde Kultur- und Geisteswelt eindenken und damit umgehen zu können.

Diese Fähigkeit kann man sich natürlich auf unterschiedlichste Art und Weise aneignen. Ein Weg ist aber sicherlich, Texte einer Welt zu übersetzen, die uns weitaus fremder ist als das relative „junge“ Römische Reich, dessen Menschen uns in ihrer Denkweise doch schon sehr nahe stehen. Da ist das Denken einer Gestalt aus der Ilias sicherlich schwerer nachzuvollziehen und erfordert weitaus größere Anstrengungen.

Nichts vermittelt eine andere Geisteswelt aber so intensiv wie die eigene Übersetzertätigkeit, also das Ringen um die richtige zeitgemäße Interpretation eines Originaltextes. Hier ist man also gerade im Griechischen in großem Maße gefordert, sich in eine andere Kultur hineinzudenken.

Man muss dann natürlich auch auf die rechte Auswahl der Texte achten, also die bedeutendsten Vertreter eines Kulturkreises auswählen, was man im Griechischunterricht aber zweifellos tut (<-> Französisch).

Weiterer Vorteil gegenüber Latein: Griechisch ist schlicht „schwerer“, d.h. bei weitem weniger feste Regeln und in seinen Ausdrucksmöglichkeit variantenreicher. Analytisches Denken, Kreativität und die Fähigkeit, seine gefunden Ergebnis ständig selbst kritisch zu hinterfragen, werden in weitaus größerem Maße beansprucht.

5. Mit welchen Argumenten würden Sie aus Ihrer heutigen Weltsicht Griechisch als 3. Fremdsprache empfehlen?

Die eher oberflächliche Sicht des Ganzen:

An der Universität ist der Nutzen und die Stellung des Griechischen wohl völlig unbestritten. Das zeigen zumindest meine persönlichen Erfahrungen in Seminaren und Prüfungsgesprächen.

Beispielsweise wurde ich im Vorgespräch zur mündlichen Prüfung im 2. Staatsexamen vom Vorsitzenden des Prüfungsgremiums (einem im Kollegenkreis sehr angesehenen Notar) ausdrücklich auf meine „echte“ humanistische Ausbildung angesprochen, wobei darauf hingewiesen wurde, welch unvergleichliche Grundlage diese doch auch – und gerade – in der heutigen Zeit sei. Der genannte Prüfer hatte – selbstverständlich – dieselbe schulische Ausbildung genossen. Das sollte in dieser Prüfung mein Schaden sicherlich nicht sein.

Ähnlich positive Erfahrungen habe ich dann später auch in Bewerbungsgesprächen gemacht, bei denen die „Eigenschaft“ als Humanist alter Schule (?) immer mit besonderem Wohlwollen aufgenommen wurde (übrigens auch bei Nicht-Humanisten).

Mit anderen Worten: Man macht nie einen schlechten Eindruck, wenn man ein Abiturzeugnis vorlegen kann, das das Graecum oder gar den Leistungskurs Griechisch aufweist. Ganz im Gegenteil!

Die fachliche (bei mir selbstverständlich juristische) Sicht:

Die Arbeit als Jurist erfordert in ganz besonderem Maße Abstraktionsvermögen, die Fähigkeit zu analytischem Denken und die Gabe, Textinhalte schnell zu erfassen sowie die – möglichst richtigen – Schlüsse daraus zu ziehen (Textreflexion). Selbstverständlich ist es schwer, wenn nicht gar unmöglich, die vorstehenden Fähigkeit aus einem einzigen Unterrichtsfach an der Schule ableiten zu wollen. Man kann wohl nicht ohne weiteres Griechisch als Ursache dieser Eigenschaften „isolieren“. Zumindest ist dieses Fach aus meiner Sicht aber in höchstem Maße – und bei weitem mehr als Latein (s.o.) – geeignet, genau diese Eigenschaften auf das Trefflichste zu fördern, da Abstraktion, Analyse und Textreflexion eben die Instrumente darstellen, mit denen man einen vor über 2000 Jahren in der fremden Sprache einer andersartigen Kultur verfassten Text in die eigene Muttersprache übersetzen kann.

Ich könnte mir im übrigen vorstellen, dass die oben genannten Fähigkeiten nicht nur im Beruf des Juristen gefragt sind.

Die Sicht der Praxis:

Leitende Positionen erfordern nur in den seltensten Fällen einen Spezialisten. Viel wichtiger ist der „Blick fürs Ganze“. Den hat aber nur der Generalist. Auf die Ausbildung zum Generalisten zielt der Griechischunterricht aber gerade ab.

Förderung sog. „Kultureller Kompetenz“ (s.o.)

Erziehung zum mündigen Bürger:

Im Griechischunterricht wird man zum einen intensiv (und bei weitem nutzbringender als etwa in einem Fach Philosophie) mit Inhalten philosophischer und staatstheoretischer Natur konfrontiert. Dass dies auch zu einem gesunden Abstand und kritischer Haltung gegenüber jeglichem Zeitgeist führt, dürfte auf der Hand liegen.

Zum anderen ist man durch die gerade für eine Sprache wie Griechisch typische Übersetzungstätigkeit (Analyse) gezwungen, ständig seine gefundenen Ergebnisse zu überprüfen. Man sollte also nie vorschnell urteilen, auch wenn alles scheinbar klar auf der Hand liegt. Wenn es einem gelingt, mit dieser Haltung auch sein Umfeld, das Geschehen des Alltags, Wirtschaft und Politik, und nicht zuletzt auch seine eigene Person zu betrachten, kann man dem Idealbild eines selbständig denkenden und handelnden Bürgers schon ein beträchtliches Stück näher kommen.

6. Was soll vom erlebten Griechischunterricht beibehalten, was soll verändert werden?

Ich empfand im LK als besonders spannend, gerade die geistesgeschichtliche Entwicklung Griechenlands von Homer bis zum Hellenismus nachzuvollziehen.

Das wurde m.E. wirklich ganz hervorragend herausgearbeitet.

Vielleicht ist es möglich, auch bereits vor dem LK den Schülern von diesem Prozess etwas mehr zu vermitteln.

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