Simon Karcher - Abitur 19921. Wie war Ihr akademischer Werdegang? nach dem Zivildienst in St. Ottilien: von SoSe 1994 bis WiSe 2000/01 Studium von Germanistik und Latein für Lehramt Gymnasium an der LMU München; dort Staatsexamen im Frühjahr 2001 2. Welche Position/Funktion haben Sie heute inne? im Moment habe ich leider sozusagen gar keine Position inne; ich befinde mich bei den Vorarbeiten für eine geplante Promotion in Neuer Deutscher Literatur (über Brechts frühe Lyrik). Ich habe vor, mich für SoSe 2002 für den Promotionsstudiengang an der LMU einzuschreiben; mein Doktorvater wird Prof. Dr. Jürgen Scharfschwerdt sein. 3. Hat Griechisch Ihrer Meinung nach zwischen Bibel und Laptop überhaupt noch Platz? Selbstverständlich hat es dort, meiner Meinung nach, Platz. Offen gestanden, verstehe ich die Frage, ob es zwischen Bibel und Laptop noch Platz hat, nicht ganz, denn das sind ja keine Alternativen oder Widersprüche. Ich meine, weder Bibel noch Laptop stehen dem Griechischen irgendwie im Weg, sondern es sind ja, denke ich, andere Faktoren, die dem Griechischen in der heutigen Gesellschaft das Leben schwer machen. Man könnte ja, finde ich, auch sagen, dass das Problem des Griechischen in unserer Gesellschaft fast vergleichbar ist mit dem schweren Stand, den die christliche Religion heute innehat. Insofern wären sie ja eigentlich Partner. In St. Ottilien haben wir ja auch immer vielfache Beziehungen zwischen der „humanistischen Bildung“, die u.a. auf dem Griechischen basiert, und der christlichen Religion erlebt. (Schon Melanchthon hat ja, im Gegensatz zu Luther, die Synthese aus antiker Bildung und christlicher Religion angestrebt... ) 4. Welche Impulse kann Griechisch aus Ihrer Sicht zur Weiterentwicklung christlicher Schulen leisten? Tja, das ist gar nicht so leicht allgemein zu beantworten. Aber, wie gesagt, ich finde eben, das es zahlreiche Verbindungen zwischen einer auf dem Griechischen aufbauenden humanistischen Bildung und einer christlichen Bildung gibt. In St. Ottilien habe ich das jedenfalls so erlebt. Ich finde, das kann sich gut ergänzen. Auch z.B. die Tatsache, dass die (griechische) Antike und das Christentum eben zwei zentrale Entwicklungs-Grundlagen der europäischen Kultur sind, finde ich wichtig; im Zeitalter der (seit 1. 1. 2002) fortschreitenden europäischen Einigung. Ich erinnere mich in etwa an den Schlusssatz eines Briefes, den Sie, glaube ich, im Zuge unserer damaligen Werbekampagne an die Eltern verschickt haben: „Das Europa der Zukunft braucht gebildete Europäer. Der gebildete Europäer muss sich zu den Wurzeln seiner Kultur bekennen. Diese Wurzeln liegen Griechenland.“ Aber, wie gesagt, die Wurzeln liegen eben auch im Christentum, und diese Synthese finde ich wichtig; auf ihr könnte man vielleicht auch eine Weiterentwicklung aufbauen. Ist natürlich jetzt schwer zu sagen, wie das im einzelnen konkret aussehen kann. Von mir persönlich kann ich nur sagen, dass mich Lehrer, die mit Kompetenz und auch Begeisterung für eine Sache eingetreten sind, immer auch selber begeistern konnten und dass ich in der Hinsicht wirklich viel von meiner Schulbildung in St. Ottilien mitnehmen konnte. Also, St. Ottilien ist da, finde ich, kein schlechtes Vorbild. Natürlich haben mich einfach die alten Sprachen als Schüler selber sehr interessiert. Was man aber heute mit den vielen Schülern machen soll, die das alles einfach nicht mehr interessiert, ist eben die große Frage. 5. Mit welchen Argumenten würden Sie aus Ihrer heutigen Weltsicht Griechisch als 3. Fremdsprache empfehlen? Auch das ist natürlich wieder was sehr Subjektives. Ich weiß nicht, ob die Gründe, warum ich es nicht missen möchte, Griechisch gelernt zu haben, sozusagen „sachliche“ Argumente sind. Mich hat das alles, wie gesagt, persönlich sehr interessiert (bis hin zu den indoeuropäischen Sprachverwandtschaften...). Wie gesagt, ein Argument ist, denke ich, schon, dass man eben die Wurzeln unserer europäischen Kultur besser kennenlernt (Klar, da entgegnet dann natürlich wieder jeder, wieso man dafür unbedingt griechische Originaltexte lesen muss; lateinische würden doch auch schon reichen usw...). Ich persönlich fand es des Weiteren z.B. während meines Studiums der deutschen Literatur wirklich super, dass mir einfach die ganzen vielfachen Rezeptionen der antiken Literatur durch die deutschen Dichter und Schriftsteller gar nichts Fremdes waren. Wie will denn eigentlich jemand einen lebendigen Zugang zu Goethe beispielsweise finden, wenn er die antike Literatur und Kultur nicht kennt? Es gibt ja jetzt an der Uni schon Kurse „Bibelkunde für Germanisten“, weil es ja mit den biblischen Originaltexten das gleiche Problem ist wie mit den antiken. Ich persönlich habe das während des Literaturstudiums wirklich als Vorsprung vor meinen KommilitonInnen empfunden, dass ich die ganze antike Literatur, aus der die deutsche und die anderen modernen Literaturen ja bis heute schöpfen, aus eigener Lektüre in Originalsprache kenne (zumindest in repräsentativer Auswahl). Meine geplante Dissertation soll ja unter anderem auch mit literarischer Rezeption zu tun haben... Dann gibt es natürlich immer noch dieses Argument der „formalen Bildung“ durch die alten Sprachen, aber da kann man natürlich auch immer einwenden, dass man dazu nicht notwendigerweise Griechisch braucht... Ein nicht unwichtiges Argument finde ich schon, dass man die modernen Fremdsprachen einfach auch ohne größere Probleme, wenn man will, noch nach der Schule auf anderen Wegen lernen kann, was man von (Alt)Griechisch nicht so leicht sagen kann. Moderne Sprachen kann man viel leichter nachholen als Griechisch. Ich selber habe z. B. nach meinem Examen letzten Sommer einen Französisch-Ferienkurs in Paris gemacht... Wie gesagt: Ich persönlich fand Griechisch einfach total interessant, das wäre sozusagen mein „subjektives“ Hauptargument. 6. Was soll vom erlebten Griechischunterricht beibehalten, was soll verändert werden? Im Großen und Ganzen fand ich den Griechisch-Unterricht, den ich erlebt habe, ziemlich gut. Ich fand es z.B. gut, dass wir wirklich die Sprache gescheit gelernt haben und viel übersetzt haben; ich habe in der letzten Zeit von Leuten gehört, dass teilweise in Griechisch-Leistungskursen kaum mehr wirklich das Übersetzen geübt wird und dgl. Eine Sache, die wir ja auf unserem letzten Symposion am 4. Januar im „Athen“ angesprochen haben, ist, dass man meiner Ansicht nach tatsächlich das Neugriechische und die Beziehungen zwischen Alt- und Neugriechisch viel stärker heute in den Griechischunterricht einbauen sollte. Dadurch würde das auch noch einen größeren Gegenwartsbezug gewinnen. Das hätte ich selber als Schüler sehr interessant gefunden! Vielleicht könnte man überhaupt mehr das heutige Griechenland einbeziehen (sozusagen „Landeskunde“!). Mir fällt jetzt, offen gestanden, ansonsten gerade wenig ein, was man konkret verändern könnte/sollte. Wie gesagt, insgesamt fand ich unseren Unterricht ziemlich gut. Das stärkere Einbeziehen des heutigen Griechenland, der heutigen Sprache fände ich wirklich wünschenswert, vielleicht auch moderne griechische Literatur; und vielleicht auch stärker die Rezeption der griechischen Literatur in den späteren europäischen Literaturen! Copyright 1999-2012 by Rhabanus-Maurus-Gymnasium St. Ottilien. Last updated 03.01.04. Impressum. Für Kritik, Anregungen und alles andere mailen Sie bitte an webmaster@ottilien.de. |