Karsten Jedlitschka - Abitur 19921. Wie war Ihr akademischer Werdegang? - ab WS 1993 Magister- und Lehramtsstudium Deutsch/Geschichte LMU München - Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes - 1995-1999 studentischer Mitarbeiter bei Stiftung Historisches Kolleg München (getragen vom Freistaat Bayern und der Deutschen Bank) - September 1997 summer course am Deutschen Historischen Institut in Rom - 1997/1998 freier Mitarbeiter beim Verlag C.H. Beck (mehrere Buchprojekte) - Sommer 1999 Magisterexamen in Geschichte (Neuester Geschichte/Mittelalterliche Geschichte/Deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters) mit Auszeichnung - Herbst 1999-Frühjahr 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter Lehrstuhl Prof. Dr. Winfried Schulze LMU München - Frühjahr/Sommer 2000 Erste Staatsprüfung LA Gymnasium in Fächern Deutsch und Geschichte - Academic Year 2000/2001 Visiting Scholar Department of History Princeton University (Auslands-Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes) - seit Frühjahr 2001 Doktorand in Neuester Geschichte LMU München (Prof. Dr. Winfried Schulze; Promotionsstipendium Studienstiftung des deutschen Volkes Studien; Vortragstätigkeit und Teilnahme an verschiedenen Konferenzen u.a. in Berlin, Heidelberg, Köln und Molveno 2. Welche Position/Funktion haben Sie heute inne? Doktorand in Neuester Geschichte LMU München 3. Hat Griechisch Ihrer Meinung nach zwischen Bibel und Laptop überhaupt noch Platz? Die Fragestellung beinhaltet genau besehen zwei Fragen. Auf die erste, ob Griechisch für eine christliche Erziehung von Bedeutung ist, ist eine Antwort schnell gefunden. Einerseits ist auf der rein philologischen Ebene das Training genauer Textlektüre und sorgfältiger Interpretation sicher hilfreich für eine eigenständige Lektüre der Heiligen Schrift. Andererseits ist auch im Bezug auf die vom Lehrplan konzipierten Inhalte des Griechischunterrichtes die Nähe nicht zu übersehen, liegen doch die Wurzeln der bis heute Europa prägenden abendländisch-christlichen Kultur in der griechischen wie römischen Antike und deren Philosophie und Literatur. Damit ist die optimale Basis geschaffen für das Verständnis der christlichen Religion. Die zweite Frage, wie sich eine alte Sprache angesichts einer sich immer schneller verändernden Welt, knapp mit den Chiffren „Globalisierung“ und „Internetrevolution“ bezeichnet, behaupten kann, ist eigentlich auch relativ einfach zu beantworten. Will man das Griechische auf seinen „Marktwert“ hin bewerten, so sind die „reinen“ Bildungsfaktoren und das Training bestimmter fachspezifischer Fertigkeiten zu unterscheiden. Auch wenn der Wind – gerade den solchen Werten noch treu ergebenen – Geisteswissenschaftlern immer härter ins Gesicht weht: Bildung zählt. Und dass das Griechische und die durch diese Sprache zugänglichen Werke in Philosophie und Literatur einen solchen Bildungswert darstellen, braucht nicht weiter begründet zu werden. Und auch bzw. gerade in dieser modernen Welt, in der Wissen eine immer kürzere Halbwertszeit besitzt, wird der „Generalist“ immer wichtiger. Auf der Ebene der „Fertigkeiten“ sind es ebenfalls generelle Fähigkeiten, die durch den Spracherwerb der komplexen griechischen Grammatik und des regelmäßigen Wortschatzerlernens trainiert werden. Heute ist ausschlaggebend, sich immer wieder – schnell, effektiv und flexibel – in eine neue Materie einarbeiten zu können. Hierzu müssen aber bestimmte Grundmuster vorhanden sein, die eben das Erlernen des Griechischen ausprägt. Der Schlüssel liegt im Zeitpunkt des Erlernens, denn im jugendlichen Alter kann gewissermaßen eine Formierung des ganzen Wesens und der Denkstrukturen in einer Tiefe stattfinden, die bei einem späteren Erlernen schlicht nicht mehr möglich ist. 4. Welche Impulse kann Griechisch aus Ihrer Sicht zur Weiterentwicklung christlicher Schulen leisten? Weiterentwicklung muss nicht immer aktionistische Veränderung bedeuten, sondern kann ebenso in der Bewahrung von Bewährtem bestehen, das man gegenüber den schnelllebigen Launen einer sich in ständiger Beschleunigung verlierenden Welt in Schutz nimmt. Und genau diese Orientierungsstiftung ist ja eine wesentliche Aufgabe christlicher Erziehung. Das Erlernen des Altgriechischen und damit das Studium der für die abendländisch-christliche Kultur zentralen politischen und philosophischen Texte schafft die Basis für ein wertegeleitetes Gestalten des eigenen Lebens, orientiert am klassischen Humanitätsideal, aus dem die zentralen christlichen Werte entwickelt worden sind. 5. Mit welchen Argumenten würden Sie aus Ihrer heutigen Weltsicht Griechisch als 3. Fremdsprache empfehlen? Die verschiedenen Argumente habe ich bereits unter Punkt 3 ausgeführt. Dazu scheint mir noch folgende Bemerkung wichtig: Man befindet sich grundsätzlich in dem Dilemma, dass die Entscheidung für Griechisch immer auch als Entscheidung gegen Französisch wahrgenommen wird. Im Grunde müsste man heraus aus dieser Dichotomie. Denn diese Wahlmöglichkeit vergleicht zwei grundsätzlich unterschiedliche Dinge – eine klassische (Bildungs-)Sprache und eine gesprochene Gegenwartssprache. Wie man aus dieser durch den Lehrplan und aufgrund organisatorischer Gegebenheiten entstandenen ungünstigen Situation herauskommt, ist allerdings nicht so einfach zu beantworten. Logische Konsequenz wäre es, beide Sprachen anzubieten – als Pflichtfächer. Da stehen allerdings sicher viele und wohl kaum zu überwindende Hindernisse im Weg. Aber es ist zumindest wichtig, sich dieses Dilemmas bewusst zu sein, um das gegebenenfalls auch zum Ausdruck zu bringen. Hier wäre dann auch der Ort anzufügen, dass es sicher einfacher ist, eine Gelegenheit zu finden und die Energie aufzubringen, eine lebendige Fremdsprache nach dem Gymnasium noch zu erlernen. Was meine eigene Vita anbelangt, so habe ich speziell für mein Studium – freilich ein geisteswissenschaftliches mit vielen philologischen Aspekten – sehr viel von meinen Griechisch-Kenntnissen profitiert. Sowohl die sprachlichen Fertigkeiten bzw. das erlernte Handwerkszeug der Textanalyse/Interpretation (vor allem für das Schwerpunktfach in Germanistik „Deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters“) als auch die gelesenen Werke aus Literatur und Philosophie (Alte Geschichte, Thukydides, Philosophie) waren und sind mir von unschätzbarem Wert. Aber auch die im Leistungskurs „trainierten“ Fähigkeiten des kontinuierlichen, regelmäßigen und bis zu einem gewissen Grade selbstverantwortlichen Arbeitens und Lernens haben mir das Überleben an der Universität deutlich erleichtert, wenn nicht sogar ermöglicht. In einem Universitätsalltag, der gerade für den Studienanfänger von totaler Beliebigkeit, gänzlich fehlender Hilfestellung in organisatorischer wie fachlicher Hinsicht und dem frustrierenden Gefühl einer nivellierenden Gleichmacherei geprägt ist, war das im LK Griechisch erfahrene Leistungsprofil die Keimzelle für den Aufbau einer autonomen Motivation. Gerade im Rückblick, nachdem man nun auch im akademischen Rahmen die Früchte der eigenen Anstrengungen ernten kann und Anerkennung findet, wird deutlich, wie wichtig diese Keimzelle zum Überleben im universitären Alltag war. Das hierbei sicherlich auch andere Faktoren des „Standortvorteils St. Ottilien“ wie Tagesheim, Atmosphäre und christliche Erziehung eine Rolle gespielt haben, ist nicht zu leugnen. Dass sich die Erinnerung aber so weitgehend auf den LK Griechisch fokussiert, hat sicher seine Gründe. Sowohl mein Ergebnis des Magisterexamens als auch das des Ersten Staatsexamens wäre ohne die im LK Griechisch erworbenen Fertigkeiten (Arbeitsorganisation und Gründlichkeit) und Belastungserfahrungen (Klausuren) nicht erreichbar gewesen. Bei meinem USA-Aufenthalt stieß ich bei jedermann auf Bewunderung und Anerkennung für das Erlernen des Alt-Griechischen, verbunden mit dem Bedauern um das weitgehende Fehlen eines solchen Angebots in den Vereinigten Staaten. Der Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Washington - selbst in den Genuss der humanistischen Ausbildung gekommen – ließ mich gesprächsweise wissen, dass es kein Problem für mich als ehemaliger Griechisch-Lkler sein würde, bei einem Universitäts-College in Washington als Griechischlehrer anzufangen. In den USA seien einfach keine Lehrkräfte hierfür vorhanden. Wollte man das Griechische auf seine Nutzanwendung im späteren Leben reduzieren, könnte man hier ein Beispiel finden. 6. Was soll vom erlebten Griechischunterricht beibehalten, was soll verändert werden? Ich war mit der Gestaltung des Griechischunterrichtes cum grano salis immer ausgesprochen zufrieden. Wortschatz und Grammatik zu erlernen ist nun einmal nicht leicht, oft sehr anstrengend und sicher kein „fun event“. Aber Bildung kann eben nicht einfach konsumiert, sondern muss mit eigenem Schweiß erarbeitet werden. Diese Erfahrung ist für mich – gerade im Nachhinein und im Hinblick auf „Schlüsselqualifikationen“, die ich bislang für meinen akademischen Werdegang benötigte – zentral. Der persönlichen Neigung entsprechend wäre höchstens anzudenken, ob beim Kapitel der „Sophistik“ oder auch begleitend zu anderen Sequenzen der Rhetorik mehr Aufmerksamkeit zuteil werden könnte. Vorstellbar wäre neben einer vertieften Analyse der Texte auch ein aktives Trainig der verschiedenen Techniken. In der heute so oft beschworenen globalisierten und sich in ständiger Dynamik befindlichen (Arbeits-)Welt ist „kommunikative Kompetenz“, verstanden auch als Wissen um die bestmöglichste Präsentation der eigenen Argumente, wohl neben der soliden und breiten „Generalistenbildung“ das wichtigste Gut. Als Orientierung wäre hier durchaus an das im angelsächsischen Bereich übliche Debattiertraining in Schule und Universität zu denken. Copyright 1999-2012 by Rhabanus-Maurus-Gymnasium St. Ottilien. Last updated 03.01.04. 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