Rainer Jedlitschka - Abitur 1991. Wie war Ihr akademischer Werdegang? seit November 1992 Ludwig-Maximilians-Universität München Studiengang Lehramt Gymnasium Deutsch/Geschichte (vertieft) und Magisterstudiengang Hauptfach: Neuere und Neueste Geschichte; Nebenfächer:
Mittelalterliche Geschichte, Deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters Ablegen der Akademischen Zwischenprüfungen in Geschichte und Deutsch. Schulpraktika für das Staatsexamen Seminar „Strukturen des kulturellen Gedächtnisses“
(Prof. Dr. Aleida und Prof. Dr. Dr. h.c. Jan Assmann) auf der Sommerakademie
der Studienstiftung des deutschen Volkes in Alpbach. Abschluss Magister Artium Thema der Magisterarbeit: „Die sogenannte ‘Konservative
Revolution’ als geistig-politische Strömung in der Weimarer
Republik“ (Referent: Prof. Dr. Hans Günter Hockerts, Korreferent:
Prof. Dr. Dr. h.c. Horst Möller) Abschluss Erstes Staatsexamens für das Lehramt an Gymnasien in
den Fächern Deutsch und Geschichte. promotionsvorbereitender Forschungs-
und Studienaufenthalt als Visiting Scholar am Department of History der
University of California in Berkeley/USA Promotionsstudium an der Fakultät für Geschichtswissenschaft der LMU München; Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes 2. Welche Position/Funktion haben Sie heute inne? Seit WS 2000/2001
3. Hat Griechisch Ihrer Meinung nach zwischen Bibel und Laptop
überhaupt noch Platz? „Es gibt schlechterdings gewisse Kenntnisse, die allgemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf. Jeder ist offenbar nur dann guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hierfür erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher so leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum anderen überzugehen.“ (Humboldt, W.v.: Rechenschaftsbericht an den König, (1809), in: Flitner, A./Giel, K. (Hrsg.): Wilhelm von Humboldt. Werke in fünf Bänden, Darmstadt/Stuttgart 1960-81, Bd. IV, S. 218.) Mit dieser Forderung einer aufs Allgemeine abzielenden Grundbildung für alle hat Humboldt ein Kernproblem des europäischen Bildungs- und Erziehungsbegriffs - Was überhaupt ist Bildung ? Gibt es eine „allgemeine“, wenn ja, was muss sie umfassen, ist sie heute überhaupt noch möglich ? Oder geht es nicht vielmehr nur um eine spezielle Ausbildung, ausgerichtet an den praktischen Erfordernissen unserer Gesellschaft und des zukünftigen Berufes ? Gibt es so etwas wie ein unveräußerliches geistig-sittliches Allgemeingut, das jedem einzelnen Menschen zustehe, wie es Humboldt in seinen Schriften propagierte? Bei der Frage nach der Aktualität Humboldts kommt es darauf an, die überzeitlich gültigen Erkenntnisse des Reformers von ihren zeitgebundenen, jetzt teilweise überholten Formen in der Praxis abzusondern. Auch wenn sich diese zum Teil heute in der bildungspolitischen Realität kaum umsetzen lassen werden, können sie dennoch als motivierende Idealvorstellung Gültigkeit beanspruchen. Dabei sind m.E. verschiedene Aspekte zu nennen: Zunächst ist Humboldts universales Verständnis von Bildung anzuführen; sie muss allgemein sein, sowohl bezogen auf die Persönlichkeit - Förderung kognitiver, moralischer und ästhetischer Fähigkeiten und die allgemeine Charakterbildung -, als auch im Hinblick auf den sozialen Aspekt, d.h. jeder Mensch kann sich bilden. Dann ist die herausragende Bedeutung des Individuums in Humboldts Überlegungen hervorzuheben. Er propagierte keinen falsch verstandenen Individualismus, sondern forderte eine positive Individualisierung mit dem Ziel, die Entfaltung der jeweils eigenen Fähigkeiten zu fördern. Das Resultat einer solchen Bildung ist dann notwendig individuell. Ein weiterer zentraler Aspekt ist Humboldts Gedanke der zweckfreien Bildung, die allgemeine Bildungsinhalte vermittelt und so zur „allgemeinen Menschenbildung“[1] beiträgt, während die spezielle Berufsausbildung erst später erfolgt. Zuletzt steht für Humboldt im gesamten so verstandenen Bildungsprozess die Autonomie des lernenden Subjekts im Vordergrund. Sie ist sowohl Ziel als auch Medium dieses als unendlichen Prozess verstandenen Vorgangs des Lernens, der so Gebildete kann sich in freier Selbsttätigkeit in der Welt orientieren. Dabei kam und kommt den klassischen Sprachen als Bildungsmittel für die Entwicklung individueller Fähigkeiten (Qualifikationen wie z.B. systematisches Lernen) hohe Bedeutung zu, anstatt sich auf Vermittlung bloßen Wissens zu beschränken, welches heute schneller als jemals zuvor wieder veraltet ist. All diese Aspekte sind heute immer noch aktuell. Dass es in unserer hochtechnisierten und -spezialisierten Gegenwart mit bloß universaler Allgemeinbildung allerdings nicht mehr getan ist, ist evident und bedarf keines Beweises. Spezialiserung ist heute unabdingbar, sie darf aber nicht einseitig zu Lasten der allgemeinen Bildung gehen, sondern muss mit ihr verbunden werden. Schon Franz Schnabel hat im Jahr 1929 diesen Zusammenhang zwischen universellen und speziellen Bildungszielen überzeugend dargestellt: „Der besonderen Bildung zu einem Fache muss also die Erkenntnis des organischen Ganzen der Wissenschaften vorangehen. Wer sich einer Fachwissenschaft widmet, muss die Stelle kennenlernen, die sie in diesem Ganzen einnimmt, und den besonderen Geist, der sie beseelt, sowie die Art der Ausbildung, wodurch sie dem harmonischen Bau des Ganzen sich anschließt: nur wer den Typus des Ganzen besitzt, kann seine immer wiederkehrende Ausprägung im Einzelnen verstehen!“[2] Der Wunsch nach interdisziplinärem Austausch und Zusammenschau der einzelnen Fächer und Disziplinen ist also nicht neu. Es muss weggegangen werden von der immer wieder aufgestellten Antinomie der Begriffe Universalismus und Spezialismus, das eine kommt ohne das andere nicht aus, denn beide fordern sich gegenseitig und stehen in einem komplementären Verhältnis zueinander. Dafür lassen sich verschiedenste Beispiele aus Wissenschaft und Politik anführen.[3] Im Zusammenhang einer verbindenden Zusammenschau nationaler literaturwissenschaftlicher Forschungen stellte der Gelehrte Ernst Robert Curtius in seinem berühmten, mehrfach aufgelegten Standardwerk zur europäischen Literatur im Mittelalter im Jahr 1948 die Forderung nach der Kombination und gegenseitigen Durchdringung von Spezialisierung und Universalismus auf. Curtius’ pointierte Äußerung mag hier am Schluss die geforderte und unabdingbare Synthese von Allgemeinbildung und Spezialistentum unterstreichen: „Spezialismus ohne Universalismus ist blind. Universalismus ohne Spezialismus ist eine Seifenblase.“[4] Griechisch leistet m.E. zu dem heute landauf landab händeringend und überwiegend vergeblich gesuchten Universalismus einen unschätzbaren Beitrag. 6. Was soll vom erlebten Griechischunterricht beibehalten, was soll verändert werden? - beibehalten sollte man a) den gründlichen Spracherwerb und –übung, b) das solide philologische Arbeiten an den Texten; beides bildet die Grundlage, um dann inhaltlich auch zu den wirklichen „Perlen“ vordringen zu können - wünschenswert: vielleicht – wie bei unserem Treffen angerissen – wirklich ein bisschen „Praxisbezug“ mit Neugriechisch und ich persönlich würde mir mehr Einbettung (eventuell auch fächerübergreifend) einerseits in die Geschichte der antiken Welt wünschen, andererseits zur Rezeptionsgeschichte der griechischen Kultur in den späteren Jahrhunderten, vielleicht auch auf der Ebene der Bildungsfragen (Humboldts Konzept als geschichtliches thematisieren und nach dessen Aktualität fragen, aber vielleicht greift das auch zu weit) -------------------------------------------------------------------------------- [1] Humboldt, W.v., in: Werke IV, S. 188. [2] Schnabel (31947), S 440. [3] „In der Lebens- und Berufspraxis spielt sich das Wesentliche immer öfter in den Zwischenräumen ab: Neue akademische und berufliche Entwicklungsgebiete entstehen zwischen den Grenzen des klassischen Fächerkanons. Das verlangt ein neues (...) interdisziplinäres Lernen (...)“[Rede des Bundespräsidenten Roman Herzog vom 5.11.1997, in: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.): Bulletin Nr. 87/ 5. Nov. 1997, S. 1001-1007, Zitat S. 1003.] [4] Curtius, E.R.: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter,
München (11948) 51965, S. 10 (im Vorwort). Copyright 1999-2012 by Rhabanus-Maurus-Gymnasium St. Ottilien. Last updated 03.01.04. Impressum. Für Kritik, Anregungen und alles andere mailen Sie bitte an webmaster@ottilien.de. |